5 3 ° 3 2 ′ 4 6 . 0 ″ N 9 ° 5 9 ′ 4 2 . 4 ″ E
H A M B U R G | S T Y L U S F A N T A S T I C U S

Bach bewarb sich 1720 um die Organistenstelle in St. Jacobi. Dokumentiert ist in diesem Zusammenhang ein Orgelkonzert in St. Katharinen: “Der seel. Capellmeister, Hr. J.S.Bach in Leipzig, welcher sich einsmals 2 Stunden lang auf diesem, wie er sagte, in allen Stücken vortrefflichen Werke hat hören lassen, konnte die Schönheit und Verschiedenheit des Klanges (ihrer) Rohrwerke nicht genug rühmen. (…) Der seel. Kapellmeister Bach in Leipzig, versicherte eine ähnlich gute und durchaus vernehmliche Ansprache bis ins tiefste C, von dem 32füssigen Principale, und der Posaune im Pedale der Catharinenorgel in Hamburg: er sagte aber auch, dies Principal wäre das einzige so groß von dieser guten Beschaffenheit, das er gehöret hätte.“
Die Hamburger Orgelszene wird Bach bereits als Lateinschüler interessiert und inspiriert und, vermittelt durch Georg Böhm, in seinen Lüneburger Jahren besucht haben. Die Werke dieses Albums repräsentieren mit der Toccata in C (BWV 564) Bachs Retrospektive auf den norddeutschen Stil. Die weiteren freien Werke und Choralvorspiele stammen jedoch direkt aus den frühen Lüneburger Jahren, komponiert noch vor Lübeck-Reise und der Auseinandersetzung mit den Kompositionen Buxtehudes. Die Orgelbaufirma Flentrop hat in den Jahren 2007-2013 dieses wichtige Klangdokument aus Bachs Erfahrungskontext wiederaufgebaut und ermöglicht uns heute einen Zugang in die nordische Klangwelt Bachs.

erscheint am 4. Dezember ’21

D A S I N S T R U M E N T

I.Um das Jahr 1700 eine der größten und internationalsten Städte des Alten Reiches, war Hamburg schon für den jungen Bach eine attraktive Destination, die er beruflich immer wieder umkreiste, ohne am Ende dort dauerhaft Fuß fassen zu können. Dabei zeichnete sich das Hamburger Musikleben durch eine frühe Kommerzialisierung und Marktorientierung aus, die dank zahlungskräftiger Auftraggeber geschickten Talenten viel Raum zur Entfaltung gab, solange sie das stilistische und teils auch reale Kapital mitbrachten. Die 1678 gegründete deutschsprachige Oper am Gänsemarkt fungierte als weithin ausstrahlender Gegenpol zum traditionsfesten System der von einem gemeinsamen Musikdirektor geleiteten 5 Hauptkirchen, deren Organistenposten seit dem frühen 17. Jahrhundert von besonders fähigen und oft miteinander rivalisierenden Virtuosen ausgefüllt wurden. Bereits der Gegensatz zwischen der „Lieblichkeit“ eines Heinrich Scheidemann und dem „Ernst“ eines Jacob Prätorius erwies sich als stilprägende Alternative; die Orientierung an der polyphonen Satzkunst und virtuosen Leuchtkraft des für die Hamburger Organistenszene prägenden Amsterdamer „Organistenmachers“ Jan Pieterszoon Sweelinck ließ Hamburg zu einem Zentrum sowohl des kontrapunktisch hochstehenden wie des extemporiert genialischen Spiels werden. Für beide Prinzipien stehen der 1656 aus Thüringen eingewanderte Organist der Jakobi-Kirche, Matthias Weckmann, sowie der langjährige Amtsinhaber an St. Katharinen, Jan Adam Reincken, der vor dem Umbau der Jakobiorgel 1693 über den entscheidenden Wettbewerbsvorteil eines 32‘-Pedals verfügte. Während die Orgel in Jakobi vor allem für die Wiederentdeckung des barocken Klangidioms im 20. Jahrhundert eine bedeutsame Rolle spielte, hat Bach eher das Instrument an St. Katharinen gekannt. Bereits kurz nach 1700 besuchte er von Lüneburg aus den erfahrenen Reincken; 1720 spielte er dann auf der Katharinen-Orgel ein Konzert, das als inoffizielles Probespiel für die vakante Stelle an St. Jakobi wahrgenommen wurde. Bei dieser Gelegenheit soll der greise Reincken angesichts einer Bachschen Choralimprovisation voller Rührung ausgerufen haben, daß er „dachte, diese Kunst sei bereits ausgestorben, nun aber sehe daß sie in Ihnen (=Bach) noch lebe“.

aus dem Booklet-Text von Dr. Anselm Hartinger

D I S P O S I T I O N

Disposition der großen Orgel der Hauptkirche St. Katharinen, von Gregorius Vogel, Hans Scherer d.Ä., Gottfried Fritzsche, Friedrich Besser erbaut und 2009 – 2013 von Fa. Flentrop rekonstruiert 

Stimmtonhöhe: a’=465 Hz bei 20 °C
ungleichschwebende Temperatur nach Heinrich Scheidemann

Rückpositiv (I) CD-d3

Principal 8′
Gedackt 8′
Quintadena 8′
Octave 4′
Kleinhohlflöte 4′
Blockflöte (2′ oder:)4′
Quintflöte 1 1/3′
Sifflöt 1′
Scharf 8f
Sesquialtera 2f
Regal 8′
Baarpfeif 8′
Schalmey 4′

Hauptwerk (II) CD-d3

Principal 16′
Quintadena 16′
Bordun 16′
Oktave 8′
Spitzflöte 8′
Flauto traverso 8′
Octave 4′
Oktave 2′
Rauschpfeife 3f
Mixtur 6, 7-9 f
Trompete 16

Oberwerk (III) CD-d3

Prinzipal 8′
Hohlflöte 8′
Viola di gamba* 8′
Flöte 4′
Nasat 2 2/3′
Waldflöte 2′
Gemshorn 2′
Scharf 4-5f
Trompete 8′
Zincke 8′
Trompete 4′

Brustwerk (IV) CD-d3

Principal 8′
Gedackt* 8′
Octave 4′
Quintadena 4′
Waldpfeife 2′
Scharf 3-7f
Dulcian 16′
Oboe d’amore 8′

Pedal CD-d1

Principal 32′
Principal 16′
Subbaß 16′
Octave 8′
Gedackt 8′
Octave 4′
Nachthorn 4′
Rauschpfeife 2f
Mixtur 4f
Cimbel 3f
Groß-Posaun 32′
Posaune 16′
Dulcian 16′
Trompete 8′
Krummhorn 8′
Schalmey 4′
Cornet-Baß 2′

Der Registerbestand entspricht der 1720 von Mattheson mitgeteilten 58-stimmige Disposition. Hinzu kommen zwei Register (*), die bereits im 18. Jahrhundert eingebaut wurden und von denen noch originale Pfeifen vorhanden sind, so dass der Gesamtbestand 60 Register umfasst.

Koppeln: BW/OW, OW/HW, BW/HW
Transpositionskoppel für das BW (a’=415 Hz und a’=440 Hz)
Glockenspiel, Zimbelstern, Tremulant für das ganze Werk, Tremulant für das Rückpositiv